Wahrheit ist nur Hier und Jetzt

Wie wahr ist die Wirklichkeit?

Wirklichkeit ist das, was gerade jetzt im Moment von außen auf uns einwirkt oder sich in uns auswirkt.

Wahrheit entsteht, wenn wir diese Wirklichkeit über unsere Sinne wahrnehmen und auf uns wirken lassen ohne davor zu flüchten.

Alles andere ist Illusion und der Versuch die Wirklichkeit zu kontrollieren und zu formen. An diesem Punkt wird klar, wie subjektiv diese Ansichten sind, auch wenn sie im sozialen Umfeld noch so objektiv erscheinen mögen. So sind wir Menschen eben. Ohne diese Kontrollbewegungen hätten wir es vermutlich nicht bis hierhergeschafft. Wir hätten schlichtweg nicht überlebt. Wir haben von unserer Zeugung an unbewusst lernen müssen unsere Umgebung genau wahrzunehmen und auf sie ausgleichend zu reagieren. Nur so konnten wir als Mensch überleben und relativ sicher da sein. Während der heranwachsende Körper des Ungeborenen im Bauch der Mutter alles Wesentliche auf Zellebene SPÜRT und über Reflexe ausgleichend darauf reagiert, beginnt das geborene Kind Spannungen in Familie und Umfeld zu FÜHLEN und durch entsprechendes Verhalten auszugleichen. Beginnt dann in der Pubertät die Jugend in uns zu erwachen, brauchen wir eine Kompetenz welche über spüren und fühlen hinausgeht. Eine Fähigkeit welche uns genug Sicherheit für den gewaltigen Schritt aus der Herkunftsfamilie zu geben vermag, das DENKEN. Natürlich denken wir auch schon als Kinder, allerdings meist frei von existenzieller Dringlichkeit. Doch spätestens im Verlauf der Jugend müssen wir herausfinden, was wir zukünftig wollen oder nicht, zu welcher Gruppe wir gehören wollen oder nicht, wer unserer Vorbilder sein sollen oder nicht. Wer wir selbst sein wollen oder nicht, was sein darf oder nicht und was unsere Ziele und Ideale sind. Das Denken ermöglicht uns eine Vorstellung von uns selbst und der Welt zu konstruieren und alles für die Verwirklichung unserer Ideale und Wünsche zu tun. Dieses Welt-und Selbstbild wird zu unserer eigenen Wahrheit und wir tun alles Mögliche damit diese Wirklichkeit wird. Andersartigkeit wirkt diesbezüglich verunsichernd und beängstigend und muss von diesem jugendlichen Bewusstsein in uns kontrolliert oder gar bekämpft werden. Hier gibt die Gruppe von Gleichgesinnten (Peer Group) in der wir ähnliche Wahrheiten und Wirklichkeiten erleben und die jeweiligen Lebenspartner Sicherheit und Halt.

All diese Überlebensmuster sind heute als erwachsene Menschen in uns vereint und funktionieren immer noch tadellos. Besonders wenn wir Lebensumständen und Herausforderungen ausgesetzt sind, welche bedrohlich wirken und für die es noch keine Lösungen gibt. Diese Situationen bewirken bewusst oder unbewusst immer Angst. Genauer ist der Begriff Unsicherheit mit dem damit einhergehenden Stress. Angst entsteht erst durch gedankliche Aktivität und die Vorstellung von dem was geschah (Vergangenheit) und das was geschehen könnte (Zukunft). In dieser Unsicherheit oder Angst werden früher seelisch oder körperlich rettende Bewältigungsmuster ausgelöst. Ziel dieser Denk-, Fühl- und Reaktionsmuster ist es, in der bedrohlich erlebten Situation wieder genug Sicherheit zu erlangen. Unsicherheit und Angst lösen also alte Überlebensstrategien aus, auch wenn diese nicht zum jetzigen Lebensalter passen und nicht zum konstruktiven Umgang mit der Herausforderung sinnvoll sind. Noch viel wichtiger ist, Unsicherheit und Angst zwingen unser inneres Erleben in die Zeit. Wir sind nicht mehr im jetzigen Moment, sondern in eigenen Erfahrungen der Vergangenheit und daraus resultierenden Vorstellungen von der Zukunft. Dieses innere Geschehen macht es uns fast unmöglich in der Gegenwart zu bleiben und wertfrei wahrzunehmen was gerade da ist. Es gelingt uns nur schwer dieser Wirklichkeit und dieser Wahrheit im Hier und Jetzt zu vertrauen und zu dieser Subjektivität zu stehen. Daran ist wie gesagt nichts verkehrt, aber es hat weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit existenziellen Herausforderungen im Leben von einzelnen Menschen, Familien und Gemeinschaften.

So möchte ich dazu einladen, in neuen unberechenbaren Lebenssituationen, die Unsicherheit körperlich wahrzunehmen und gleichzeitig bewusst die gegenwärtige Lebensrealität im Hier und Jetzt wahrzunehmen. Nicht die eigenen oder aufgedrängten Bilder anderer von dem was geschehen ist oder noch kommen könnte, sondern das was gerade jetzt ist. Wir können dann feststellen, wie leicht wir uns von Bildern und Gedanken der Angst abholen lassen in eine frühere Zeit. Wir versuchen dann alles, was irgendwie schon einmal funktioniert hat und bringen unermessliche Kräfte auf, bis wir nicht mehr können. So zwingt uns das Leben letztendlich doch in etwas Neues, vorerst Unsicheres, hinein.

Was wir tun können? Nichts, aber wir können etwas lassen!

Wir können entdecken, wie uns die Angst fesselt und uns in kräftezehrende Überlebenskämpfe verwickelt und unsere Lebensenergie und Lebendigkeit frisst. Was wäre, wenn wir diesen Bildern und Gedanken nicht mehr folgen und bei dem bleiben was jetzt gerade zu erfahren ist, ohne es zu bewerten oder zu manipulieren. Wir könnten uns allen Wahrnehmungen des Körpers hingeben und in der eigenen Wirklichkeit und Wahrheit präsent bleiben. Wie das Leben aus dieser Haltung heraus geschieht können wir uns nicht wirklich vorstellen, sondern nur selbst erfahren. Das folgende Zitat von Peter Steiner kann dafür vielleicht eine Orientierung sein.

„Alles, worüber wir also streiten, ist subjektiv. Und alles, worüber wir uns nicht streiten, ist wahr. Und Ihre subjektive Wirklichkeit lässt Sie jetzt gerade wissen, ob das die Wahrheit sein könnte.“ (Peter Steiner)

Im Einklang mit sich Selbst und dem Leben.