Verantwortung und Bewusstsein

Der Duden beschreibt Verantwortung mit den Worten: „Verantwortung ist eine Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, das jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht.“ In dieser Beschreibung wird deutlich, dass Verantwortung der Kontrolle, Stabilität und Sicherheit dient. Was das für unsere Entwicklung bedeutet, wird greifbar, wenn wir uns die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in seinen Stufen (n. Nelles) anschauen.

Schon als Ungeborenes im Bauch unserer Mutter sind wir in Resonanz mit unserer Umgebung. Wir spüren, wie es Mutter mit Vater geht ohne zu wissen, dass es so etwas wie andere Menschen oder eine Welt überhaupt gibt. Wir sind vollkommen in die Eindrücke des Mutterbauchs eingelassen, vollkommen abhängig und eins damit (Symbiotisches Einheitsbewusstsein, n. Nelles). Es gibt hier keine bewusste Unterscheidung. Alles was der Umgebung (Mutter) geschieht, geschieht uns selbst. In dieser Zeit übernehmen wir in oben genanntem Sinne Verantwortung auf sehr reflexartige Weise. Wenn wir spüren, dass unsere Umgebung (Mutter) überlastet ist, stellen wir vielleicht unsere Bewegung ein, um keine zusätzliche Last zu sein. Wenn Stress und Unruhe zu stark sind, nehmen wir vielleicht weniger Nahrung auf, um unsere Umgebung nicht noch mehr zu schwächen. Wenn wir den Eindruck haben, dass ein Überleben in dieser Umgebung nicht möglich scheint, verlassen wir diese. Hier übernehmen wir erstmals rein körperlich Verantwortung für das Überleben der Umgebung (Mutter). Sicher genug ist es erst, wenn die Umgebung (Mutter) stabil wirkt. Wir werden in dieser Zeit alles dafür tun was dafür notwendig ist, bis hin zur Selbstaufgabe. Gleichzeitig ist das, was wir in dieser Zeit spüren und unbewusst tun, unsere erste Heimat. In dieser Zeit drückt sich die abhängige Liebe (n. T. Geßner) durch Spüren und reflexartige Steuerung von Lebensfunktionen aus. Das Motto lautet: „Für dich (Mutter) tue ich alles und wenn es mich das Leben kostet.“ (Nelles, Geßner)

Mit der Geburt und dem damit verbundenen Sterben der alten Welt beginnt die Kindheit. Plötzlich ist alles anders und wir erfahren eine plötzliche körperliche Unabhängigkeit, welche uns Angst macht. Wir sind nun für immer getrennt vom Paradies der pausenlosen Rundumversorgung. Wir erkennen nun erstmals ein Ich und ein Du. Dieses Du (Mutter/Vater) ist für uns in dieser ängstigenden, neuen, kalten und lauten Umgebung der einzige Rettungsanker. Wir sind vollkommen von ihnen abhängig und setzen alles daran zu ihnen Kontakt zu halten und zu bekommen was wir an Nahrung und Zuwendung brauchen. Dies gelingt nun über das Fühlen, wobei das körperliche Spüren weiter mitwirkt. Wir fühlen ob es den Eltern gut geht und wie stabil diese Beziehung ist. Sie, unsere Familie, ist jetzt in dieser neuen Welt unser Schutzraum und wieder werden wir alles dafür tun, dass dieser stabil bleibt. Das Motto der abhängigen Liebe bleibt, doch die Art und Weise, wie wir als Kind Verantwortung für die Sicherung dieses Raumes übernehmen, ändert sich. Als Kind in dieser Familie werden wir genau fühlen wie es Mutter, Vater oder den Geschwistern geht. Wir haben feine Antennen dafür zu fühlen, wie alle miteinander in Beziehung sind. Diese Zeit beschreibt Wilfried Nelles als Wir-Bewusstsein. Gibt es dort Spannungen, werden wir versuchen dem instabil wirkenden Teil der Familie beizustehen und alles tun, was diese Person entlastet. Wir werden sogar versuchen aus abhängiger Liebe heraus einen Teil seiner (Be-) Last (-tung) zu tragen, um es leichter und damit wieder stabiler zu machen. Die eigene Selbstentfaltung werden wir immer diesen Sicherungsmaßnahmen unterordnen. Das Ganze geht soweit, dass wir, wenn ein Elternteil, aus welchen Gründen auch immer, aus der Familie gegangen ist, mit einem Teil unserer Persönlichkeit versuchen diese Lücke zu füllen. Wir werden dann innerlich ein Stück zu Mutter, Vater, Bruder oder Schwester und übernehmen unbewusst bestimmte Funktionen in unserer Familie. Wenn zum Beispiel Vater die Mutter verlassen hat, werden wir, egal ob Junge oder Mädchen, mit einem Teil unseres Wesens zum Mann der Mutter. Für diesen Teil ist die Kindheit vorbei. Er versucht mit allen Mitteln den Mann in der Familie zu ersetzen und der Mutter eine Stütze zu sein. All das geschieht unbewusst und aus Liebe. Es ist ein notwendiges Geschehen, welches gesehen und gewürdigt sein will. Der Zweck ist wie immer der Gleiche, ein sicherer und stabiler Lebensraum.

Durch die körperlichen Veränderungen der Pubertät verlassen wir allmählich die Kindheit und werden zu Jugendlichen. Es ist wie eine nächste Geburt in ein neues Leben außerhalb der bisher gewohnten Familie. Doch diese nächste „Geburt“ ist nicht so plötzlich wie die Körperliche. Diese Geburt aus dem Wir- in ein Ich-Bewusstsein (n. Nelles) ist ein allmählicher und für die meisten Menschen immer noch anhaltender Prozess. Wieder ist diese „Geburt“ mit Unsicherheit vor dem Neuen geprägt, denn nochmals müssen wir den alten sicheren Raum für immer verlassen. Jetzt entwickelt sich das Denken als Leitinstrument, wobei wir natürlich weiterhin auch fühlen und spüren. Es ist die Art des Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen und wieder geht es nur um ein sicheres Überleben. Wir müssen eine Idee bzw. Vorstellung davon entwickeln, wie, wo und mit wem wir leben wollen. Wir müssen Vorbilder finden, um zu sehen wie wir sein könnten. Wir brauchen Ideale, Werte und Ziele, um zu entdecken wer wir sind. Wer bin ich außerhalb des alten Schutzraumes Familie? Wer bin ich ohne Mutter und Vater und wo ist dann mein richtiger Platz? Wie soll meine eigene neue Familie, in der ich wachsen und mich fortpflanzen kann, aussehen? Was kann ich tun, um all das Wirklichkeit werden zu lassen und dauerhafte Sicherheit darin zu finden? Jugend ist Suche nach dem wer bin ich und wo ist mein richtiger Platz.

Die Jugend ist geprägt von einer gewissen seelischen Spaltung mit all ihren körperlichen und seelischen Wechselhaftigkeiten. Es leben zwei Wesenheiten gleichzeitig in uns, welche auf völlig gegensätzliche Weise Sicherheit finden wollen und bei der Umsetzung in Konflikt geraten. Das Kind, welches alles dem Wir der alten Familie unterordnet und Verantwortung für Mutter und Vater übernimmt sowie die/der Jugendliche, welcher sich genau davon distanzieren will. Wir alle kennen dieses Gefühls- und Gedankenchaos von uns selbst oder unseren eigenen Kindern. Ein kräftezehrender Balanceakt zwischen gutem und schlechtem Gewissen. Momentan findet unser individuelles und auch gesellschaftliches Leben vorwiegend in diesem Ich-Bewusstsein statt und wenn wir genau hinschauen, entdecken wir in diesem „höher, schneller, weiter“ den Versuch, Sicherheit sowie Kontrolle über das Leben zu bekommen. Intuitiv wissen wir, dass die sichere Kindheit im Schoß der Ursprungsfamilie genauso unwiederbringlich vorüber ist, wie die Zeit im Paradies des Mutterbauchs. „Das Leben hat keinen Rückwärtsgang“ (Buchtitel W. Nelles).

An der Schwelle zum Erwachsenen geschieht uns wieder eine Geburt, die innere oder seelische Geburt in ein freies Selbst. Es ist eine Wandlung unseres Ich-Bewusstseins in ein Selbst-Bewusstsein (n. Nelles). Auch diese Geburt ist ein Prozess mit einem scheinbar unüberwindbaren Hindernis. Es gibt hier keine Menschen mehr für die wir Verantwortung übernehmen können, um unseren Lebensraum zu sichern. Es scheint für uns fast unmöglich, uns ohne Rettungsanker in die Realität dieser Gegenwart fallen zu lassen. Für dieses Selbst-Bewusstsein müssten wir alle kontrollierenden Gedanken und Vorstellungen fallen lassen und uns der Lebenswirklichkeit, so wie sie ist, hingeben, wie auch immer sich diese gerade anfühlt. Was dann passiert, können wir uns nicht (aus-) denken und wir können es auch nicht Schritt für Schritt MACHEN. Genau das ist unsere größte Angst. Die Angst vor diesem ungewissen Nichts und der fehlenden Kontrolle, welche uns wieder in die alten rettenden Muster der Verantwortungsübernahme treibt. Das, was uns bisher gerettet hat, fühlt sich einfach sicherer an. Das ist der Grund, warum wir heute manchmal noch dem, was uns nährt und behütet alles Eigene opfern, wie ein Ungeborenes der Mutter oder das Kind der Familie. Das was uns jedoch am meisten zu schaffen macht, ist, wenn unser jugendlicher Verstand all diese inneren Rettungsbewegungen als Fehler oder Unzulänglichkeiten wahrnimmt und Optimierung erwartet. Wir versuchen dann uns selbst und unser Leben immer mehr der eigenen Idee bzw. Vorstellung davon, wie es sein sollte, recht zu machen. Es ist sehr wesentlich, diese Bewegung in unserem Inneren, als Versuch des Jugendlichen den Lebensraum zu sichern, zu erkennen. Dieses Hin- und Her zwischen diesen Überlebensmanövern sind die Wehen zu einer Geburt ins erwachsene Selbst-Bewusstsein, denn das Leben lässt unser Bewusstsein Stufe um Stufe weiter entfalten und kümmert sich nicht darum, ob es uns passt oder nicht. Das Leben hat keinen Rückwärtsgang.

Die Verantwortung im Selbst-Bewusstsein ist nicht mehr die ursprünglich notwendige abhängige Verantwortung für das Umfeld von dem wir abhängig waren, sondern eher eine intuitive Antwort auf den gegenwärtigen Moment. Für diese (Ver-) Antwort (-ung) können wir, im bisher bekannten Sinne, nichts tun. Wir können aber lernen, das zu sehen und zu uns kommen zu lassen, was uns an der Hingabe an die Wirklichkeit im Hier und Jetzt hindert. Wir können all diese Rettungsversuche würdigen lernen und immer bewusster zu uns gehören lassen. Wir können neben den Erfahrungen von Überforderung und Last in unserer Geschichte auch die daraus erwachsenen Kompetenzen sehen lernen und unser innewohnendes Potenzial immer klarer erkennen. Auf diese Weise erfahren wir Selbstliebe, werden zunehmend selbstbewusster und übernehmen im Hier und Jetzt die volle Verantwortung für den gegenwärtigen Moment und unser ureigenes Potenzial. Wir können immer besser die Verantwortung dort lassen, wo sie wirklich hingehört und Erleichterung erfahren.

Im Einklang mit sich Selbst und dem Leben.