Es ist ein kalter Winternachmittag. Die Sonne hat sich irgendwie hinter einer diesigen Wolkenschicht versteckt aber wenigstens schneit es gerade nicht. Ich brauche frische Luft, um die trockene Heizungsluft aus der Nase zu wehen und wieder klare Gedanken zu fassen. Ich mag es bei diesem melancholisch anmutenden Wetter draußen zu sein. Es ist ruhiger und leerer in der Natur, da es sich scheinbar die meisten Menschen in ihren vier Wänden gemütlich gemacht haben. Es liegt Schnee, fast ungewöhnlich in dieser Stadt und die Kälte beißt ein wenig in der Nase. Ich gehe einfach durch die naheliegende Gartenanlage immer weiter hinauf und hinaus aus der Stadt. Es ist eine meiner üblichen Runden, die ich in wärmerer Jahreszeit zum walken nutze.
Als ich durch die Gartenwege laufe, fallen mir die vielen beschnittenen Obstbäume und gut aufgeräumten Gärten auf. Ich erinnere mich an die Zeit im Sommer wo alles im satten grün stand und rege Betriebsamkeit das Bild und die Klänge bestimmte. Und jetzt? Wie vom Schnee konserviert und runtergefahren. Ruhe, nur in der Ferne die Geräusche der Stadt und ein paar kreischende Kinder, die endlich ihre Schlitten über die noch wenig beschneite Wiese jagen. Ich laufe weiter über ein Feld bis hinein in den Wald. Der Weg führt hindurch unter großen Laubbäumen ohne Laub und an einer tiefen Felsfurche entlang, die das Regen und Schmelzwasser wohl über viele Jahrhunderte in die Landschaft gearbeitet hat. Ich sehe den schneebedeckten Waldboden und die vielen kahlen Bäume. Es ist wundervoll still, nicht einmal Vögel sind zu hören. Es scheint die Natur hält den Atem an. Das üppige und schwirrend laute Leben hat sich zurückgezogen von der Oberfläche der Landschaft, eingekuschelt in eine dicke Decke aus altem Laub und einer Schicht aus Schnee. Die Bäume stehen wie verwitterte Ruinen aus besseren Zeiten in der Landschaft. In dieser Kulisse bleibe ich stehen und spüre eine ganze Weile diese leise zurückgenommene Qualität.
Nach einigen Minuten stillen Fühlens, leuchtet in mir ein Gedanke auf. Dies ist, in dieser Jahreszeit ein richtig guter Ort, sich mit dem Thema Sterben und Tod auseinander zu setzen. Irgendwie überhaupt nicht beklemmend eher forschend interessiert erkennend. Nun schärft sich meine Wahrnehmung noch etwas mehr. Ich kenne diesen Ort noch, mit warm schwirrender, von Leben wimmelnder Luft. Riesige grüne Blätterdächer rauschten ineinandergreifend im Sommerwind und boten vielerlei Vögeln ein zu Hause. Und jetzt? Es wirkt tot dagegen und das sterben fing im Herbst schon an, indem die Bäume versuchten farbenprächtig ihre Saison zu verlängern. Doch irgendwie war jetzt in diesem verschneiten Wald etwas zu spüren, was nicht tot war. Ich konnte fast den Saft im Kern der Baumstämme sehen. Ich nahm war, wie ihre riesigen Wurzelballen tief in der Erde miteinander kommunizierten und riesige Pilzmyzele Energie bereitstellten indem sie totes Material auflösten und in Nahrung verwandeln. Dort unten pulsiert das Leben auf kaum wahrnehmbare und zurückgezogene Art und Weise. Oben im Außen ist es dabei still und das meiste erscheint tot und zurückgelassen.
Es ist eher wie ein kleiner Tod, der sich jedes Jahr aufs Neue wiederholt. Denn schon bald im Frühjahr beginnt das Leben wieder knisternd und sprengend die Außenwelt zu erobern, aus dem heraus, was im alten Jahr verging. Es ist das natürlichste der Welt und wir beobachten es seit wir als Menschen auf der Erde sind. Doch wo findet heute in unserem Lebensalltag bewusst dieser regelmäßige kleine Tod statt? Wo sich doch das Leben meist um Zeit, Geld und Beziehungen dreht. Ist im Alltag wirklich Platz für den bewussten kleinen Tod? Wo ist die regelmäßige Zeit und der Raum für so einen drastischen Rückzug von allem Äußeren, wie ihn die Natur seit ihrer Existenz vollführt?
Manchmal hab ich den Eindruck, gerade da, wo wir den kleinen Tod verdrängt oder vergessen haben, werden wir vom Leben nachdrücklich daran erinnert. Wir geraten in Lebenskrisen, erfahren Umbrüche oder erleiden Krankheiten. Wir haben dann, so könnte man sagen, vom Leben eine VIP-Einladung erhalten, um innezuhalten und uns dem Wesentlichen in unserem Inneren zuzuwenden. Oft geht es dabei darum, gewohnten Denk- und Verhaltensweisen, systemischen Verstrickungen oder ungesehenen inneren Anteilen bewusst zu werden. welche uns von unserem inneren Wesen und unserem ursprünglichen freien Potenzial entfernt halten. Ich bewundere diese uralte Buche einige Meter vor mir. Sie nimmt Ihren Platz ein, stabil und unverrückbar. Jetzt im Winter ganz still und zurückgezogen und dann ab dem Frühjahr explodierend bis in volles lebendiges Grün. Es ist und bleibt eine Buche und sie nimmt ihren Platz präsent und stabil ein, ob im kleinen Tod oder im sprühenden Leben. Sie würde sich nie Fragen stellen wie: „Wer bin ich eigentlich? Warum stehe ich hier fest und wachse nur nach oben in die Breite? Warum habe ich eher breite Blätter und keine Spitzen? Da drüben die große Kiefer ist so schön, ich will so sein wie sie. Ach schau an, es wird Herbst und die ersten Blätter der anderen fallen schon. Nein ich bleibe jung und schön, nur kein Blatt verlieren. Ich halte am längsten aus und wenn ich mir die Blätter grün anmalen und mit meinem eigenen Harz wieder ankleben muss. Schau da drüben der Ahorn, der ist schon so hässlich braun, einfach eklig“. Nein die Buche weiß tief im inneren, dass sie das Leben als Buche einfach so ist wie es ist. Als einer der wenigen Samen ihrer Mutterbuche die es geschafft haben, in nahrhaften Boden gefallen und über viele Jahre herangewachsen.
Es scheint, das sie sich in jedem kleinen Tod im Winter tief in ihre Wurzeln zurückzieht, dort gewaltige Kräfte sammelt und sich auf ihr ureigenes Potenzial als Buche fokussiert. Nur so, kann sie sich im Sommer wieder prachtvoll ausbreiten, Heimat für anderes Leben sein und die eigenen Samen austragen. Doch irgendwann wird auch ihre Zeit gekommen sein die Äußere Form zu verlassen. Sie wird gefällt und verarbeitet oder sie gibt dem Sturm nach und von Mikroorganismen aufgelöst. Doch tief in der Erde bleibt etwas von ihr lebendig, so gibt es heute jahrhundertealte Wurzeln die oberflächlich fast nicht mehr erkennbar aber in der Tiefe des Bodens vital sind. Sie sind geborgen in diesem einen Ganzen, was für die Bäume die Erde ist. Die Essenz der Buche ist wieder zurückgekehrt in das was sie hervorgebracht hat. Ihr Essenz lebt ewig nur Ihr äußerer Körper ist vergangen.
Tief bewegt von diesen Gedanken laufe ich weiter durch den Wald. Ich habe das Gefühl ich nehme auch die vielen vergangenen Bäume war und irgendwie ist es hier viel voller und wärmer geworden. Im gehen wird mir immer klarer wie sehr auch wir Menschen ein Ausdruck dieses Lebens sind. Auch wir haben eine innere Essenz, ein ureigenes Wesen, etwas was nicht stirbt, wenn irgendwann unser Körper vergeht. Auch wir sind alle verschieden und tragen unser ureigenes Potenzial in uns, auf das uns das Leben immer wieder hinweist. Vielleicht ist es eine der wesentlichen Aufgaben unseres menschlichen Lebens diese Bewusstheit wieder zu erlangen und aus dieser heraus den eigenen Platz wirklich einzunehmen, präsent mit dem was sich gerade im Leben zeigt. Dann gelingt es vielleicht eher den gegenwärtigen Moment anzunehmen wie er ist, mit all seinen Gefühlen, Emotionen und Herausforderungen, ohne davor innerlich in Gedanken und Geschichten oder äußerlich in permanentes Tun oder ferne Orte zu fliehen.
Was ist, wenn es den großen bedrohlichen Tod nicht wirklich gibt und unser Bewusstsein, unsere wahre Essenz, immer weiter im Großen und Ganzen existiert? Dann ist der kleine Tod, dieser regelmäßige bewusste Rückzug in körperliche Ruhe und Stille und das bewusste würdigen und lassen von einschränkenden Denk- und Verhaltensweisen ein wesentlicher Zugang zu unserer ureigenen Essenz. Dort ist der Raum, wo wir uns immer wieder erkennen und als das annehmen was wir schon immer sind. Ein Ausdruck der Liebe des immer währenden Lebens. So macht der Ausspruch von R. Spira viel Sinn, welcher sagt. „Meditation ist nicht das was wir tun (sollten°), sondern das was wir sind.(egal was wir tun°)“
° Anmerkungen von mir